Dem Leben wieder gegeben

Es war in der guten alten Zeit. In einem Haus am Ende des Dorfes sahen zwei Menschen der Mutter zu, die am schnurrenden Spinnrad saß, denn es war längst Feierabend. Lisbeth, das blonde siebenjährige Kind, ließ kein Auge von dem Vater, der ihm aus hellem Ahornholz einen Nussknacker schnitzte. Als der Mann wieder einmal das armselige Licht schneuzte, pochte jemand ungestüm an die Tür, und alsbald schob sich die breitschulterige Gestalt des Nachbars in den kleinen Raum. Auf dem Gesicht des Mannes lag ein seltsamer Ernst, und man hörte deutlich, wie eine Hand die kleinen Späne auf dem Tisch zusammenwischte, indes der Nachbar zu erzählen begann von dem, was ihm widerfahren war. Er hatte am Brunnen den Eimer aufgewunden und ein paar Atemzüge lang ausruhen wollen. Da war aus dem nahen Walde der Schrei eines Menschen gekommen, der in Not war. Ein zweites Mal war der Ruf zu hören gewesen, dann war das Schweigen der Nacht wieder so groß wie zuvor. Ein paar Augenblicke des Nachdenkens musste der Nachbar dem Manne, der regungslos am Tische saß, gönnen, dann erhob sich dieser. Wie im Traum nahm er von der Wand eine Laterne, zündete ein Licht in ihr an und zog den Nachbar mit sich zur Türe hinaus.

Draußen umgab sie eine rabenschwarze Neumondnacht, in der das Licht gar wenig auszurichten vermochte, und die Flamme duckte sich ängstlich, wenn vom Rhein her ein unsanfter Windstoß kam. Die Männer blieben immer wieder stehen, horchten und riefen in die Finsternis hinein, aber nur die Stimme des Windes war zu hören. Aufs Geratewohl setzten die Männer ihre Füße in das Gestrüpp, das vor dem Waldrand sich breit machte. Und da kam von irgendwoher ein Laut, der klang wie das Wimmern eines Gequälten, und die Männer verdoppelten ihren Eifer, aber alles schien umsonst.

Da haschten die Strahlen des Lichtes wie zufällig nach einem bleichen Gesicht, und blitzschnell war Sebastian niedergekniet zu dem Daliegenden, hatte den Finger an die Ader des Halses gelegt, weil die Hände des Unglücklichen wie verkrampft in den nächsten Zweigen hingen. Und das Nicken, das folgte, hatte der bärenstarke Nachbar im Nu verstanden. Er nahm den leblosen Körper auf die Arme, als wäre es nur ein Kind, schritt mit seiner Last dem schwankenden Lichte nach, und Freude, Sorge, Ungewissheit waren in seinem Herzen, bis sich die Türe seines Hauses öffnete und der bangfragende Blick der Frau nach einem erlösenden Wort verlangte.

Dann hatte sie auf einmal alle Hände voll zu tun, und auch Ursel, Lisbeth und Rosa eilten flink wie Wiesel davon, um mit allerlei Dingen wiederzukehren. Dem jungen Menschen, der auf die breite Ofenbank gebettet war, wusch die gute Hausmutter zuerst das blutverklebte Haar von der Schläfe, säuberte die Wunde, die quer über den Scheitel zog, legte kühle Leinwand auf die Stirne und sah hernach ruhig und prüfend auf den Unglücklichen und gewahrte, dass es ein schlanker Mann war mit breiten Schultern und Händen, die Arbeit gewohnt schienen. Sie waren kräftig, schmal und langfingrig. Im Lichte glänzte der blonde Haarschopf. Die Nase war scharfkantig und beinahe gerade. Mund und Kinn umrahmte einen hellen Bart. Auf den Wangen wucherten lange Stoppeln. Die Lider des Daliegenden zuckten auf einmal ein wenig, und als Sebastian das gesehen hatte, erhob er sich wie auf ein inneres Geheiß und setzte einen Augenblick später eine kleine Flasche mit einem feurigen Tränklein an die blassen Lippen. Es war nicht umsonst, und als er das inne geworden war, tat er wiederum das gleiche wie zuvor. Es dauerte noch eine geraume Weile, bis wirkliches Leben in die Gestalt kam. Aber die Freude in der Stube war riesengroß, als sich über den dunklen Augen die Lider hoben und eine fremde, glückliche Stimme sagte: „Ich lebe."

Mit leisem Zureden fütterte die Frau den Gast mit Bröckelchen von weißglänzendem Fisch, flößte ihm von Zeit zu Zeit ein wenig roten Sonntagswein in die trockene Kehle, und ein um das andere Mal lohnte ein Lächeln des noch immer schweigsamen Mundes der Frau ihre sorgliche Mühe. Als es fast Mitternacht war und der Schlaf den nunmehr Gestärkten umfangen wollte, begann dieser fast mühsam: „Die Übeltäter haben meine Dukaten nicht gefunden, ich trage sie eingenäht im Wams. Euch soll die Hälfte davon gehören. Und an der Stelle, wo ihr mich gefunden habt, soll man ein Kirchlein bauen. Die himmlische Mutter hat mir geholfen, ich wollte noch nicht sterben. "

Sebastian nahm die schmale Hand des Geretteten in seine beiden dicken Pratzen und schwieg. Was hätte er auch sagen sollen?

Der Wind war draußen stärker geworden. Er sang recht merkwürdige Lieder der Freude, und das Bild einer kleinen Kapelle nahm er mit sich in den Traum.